Direkt zum Inhalt
Gart Solutions

Unternehmen

Raus aus AWS, rein in die deutsche Cloud? Was Hetzner, IONOS & Co. heute wirklich leisten


03. November 2026, 14:01
Kyiv,
Ukraine
Analyse

Digitale Souveränität ist in deutschen Chefetagen angekommen. Doch wer zu Hetzner, IONOS oder einem anderen europäischen Anbieter wechseln will, stößt auf eine Lücke: AWS bietet über 200 verwaltete Dienste, Hetzner rund acht. Es fehlen nicht die Server, sondern Datenbanken, Monitoring und Backup. Eine Analyse von sieben Anbietern zeigt, was das für deutsche Unternehmen bedeutet.

Digitale Souveränität ist in deutschen Chefetagen angekommen. Doch wer seine Infrastruktur zu einem europäischen Anbieter verlagern will, stößt schnell auf eine Lücke, die in kaum einer Strategie-Präsentation auftaucht: Es fehlen nicht die Server, sondern die Dienste, die darauf laufen. Eine Analyse von sieben europäischen Cloud-Anbietern zeigt, wo die Grenzen liegen – und was das für deutsche Unternehmen bedeutet.

Souveränität ist Chefsache geworden

Vor wenigen Jahren war „souveräne Cloud“ vor allem ein Thema für Behörden und Verteidigung. Heute fragen Geschäftsführer im Mittelstand, Compliance-Abteilungen von Banken und IT-Leiter in der Industrie gleichermaßen, wie abhängig ihr Unternehmen von US-Hyperscalern ist. Die Gründe sind bekannt: der US CLOUD Act, der amerikanischen Behörden Zugriff auf Daten bei US-Unternehmen ermöglicht – auch wenn diese in Frankfurt liegen –, geopolitische Unsicherheit und steigende regulatorische Anforderungen durch DORA, NIS2 und den BSI-Kriterienkatalog C5.

Auch Brüssel macht Druck. Mit dem im Juni 2026 vorgestellten Paket zur technologischen Souveränität und dem Cloud and AI Development Act (CADA) will die EU-Kommission die Rechenzentrumskapazitäten in Europa deutlich ausbauen.

Die Anbieter sind da. Hetzner aus Gunzenhausen hat im März 2026 das C5-Testat Typ 2 des BSI erhalten und wurde im Oktober bei den IT-Awards von Vogel IT-Medien mit Gold in der Kategorie „Souveräne Cloud“ ausgezeichnet. IONOS positioniert sich mit C5-Testat, Rechenzentren in Frankfurt und Berlin und einem feingliedrigen Rechtemodell gezielt für Unternehmen und den öffentlichen Sektor. Dazu kommen OVHcloud aus Frankreich, Scaleway, Exoscale aus der Schweiz, UpCloud aus Finnland und das schwedische evroc.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr, ob es europäische Alternativen gibt, sondern was sie im Vergleich zu AWS tatsächlich liefern.

200 gegen 8: Die Lücke in Zahlen

Das DevOps-Unternehmen Gart Solutions hat AWS in seinen europäischen Regionen Dienst für Dienst mit diesen sieben Anbietern verglichen. Das Ergebnis ist eindeutig: AWS bietet in Frankfurt denselben Katalog von mehr als 200 verwalteten Diensten wie in jeder anderen Region. OVHcloud, der europäische Anbieter mit dem umfangreichsten Angebot, kommt auf rund 45, Scaleway auf etwa 30. Hetzner bietet bewusst nur rund acht verwaltete Dienste an und konzentriert sich auf reine Infrastruktur.

Wichtig ist dabei die Definition. Ein „verwalteter Dienst“ bedeutet, dass der Anbieter Updates, Ausfallsicherheit, Backups, Skalierung und die Einhaltung des Service-Levels übernimmt. Eine PostgreSQL-Datenbank, die in einem Docker-Container auf einer virtuellen Maschine läuft, ist keine verwaltete Datenbank – sondern eine selbst betriebene Datenbank, die zufällig in der Cloud liegt. Genau an dieser Unterscheidung entscheidet sich, wie aufwendig ein Wechsel wird.

Wo Europa mithält – und wo nicht

Kubernetes: Europas Stärke. Bei verwaltetem Kubernetes ist der europäische Markt am wettbewerbsfähigsten. OVHcloud und Scaleway berechnen für die Steuerungsebene keine Gebühr, während AWS rund 0,10 US-Dollar pro Stunde verlangt. Exoscale stellt einen Cluster in weniger als zwei Minuten bereit. IONOS bietet neben Standard-Kubernetes auch Red Hat OpenShift und SUSE Rancher an – interessant für Konzerne mit bestehenden Plattformstandards. Bei Hetzner gibt es kein eigenes Kubernetes-Angebot; Kunden greifen auf Drittanbieter oder eigene k3s-Installationen zurück.

Datenbanken: die größte Hürde. Verwaltete Datenbanken sind laut Analyse das wichtigste Hindernis bei der Migration. Kein europäischer Anbieter hat ein Gegenstück zu Amazon Aurora, der verteilten Datenbank mit automatischer Skalierung und bis zu 15 Lesekopien. Bei klassischem verwaltetem PostgreSQL sieht es besser aus, aber mit Einschränkungen: IONOS bietet sieben Tage Point-in-Time-Recovery, im Standardtarif jedoch keine Lesekopien. AWS erlaubt die Wiederherstellung bis zu 35 Tage rückwirkend. Hetzner bietet keine verwaltete Datenbank an – hochverfügbare PostgreSQL-Cluster müssen mit Werkzeugen wie Patroni und pgBackRest selbst aufgebaut und betrieben werden.

Monitoring: die schmerzhafteste Lücke. Bei AWS laufen Metriken, Logs, Ablaufverfolgung und Alarme über CloudWatch und X-Ray, ohne dass Kunden eigene Infrastruktur dafür betreiben. Bei den europäischen Anbietern gibt es nur Bausteine. IONOS bietet einen Logging-Dienst auf Basis von Grafana, aber keine Ablaufverfolgung über mehrere Dienste. Bei Hetzner müssen Kunden einen eigenen Server mit Prometheus, Grafana, Loki und Alertmanager aufsetzen und pflegen. Die Analyse beschreibt das Dilemma so: Unternehmen ohne eigenes SRE-Team nutzen entweder weiterhin CloudWatch für ihre europäischen Systeme – und untergraben damit das Souveränitätsargument – oder betreiben einen eigenen Monitoring-Stack, der zur Dauerbaustelle wird.

Serverless und Messaging. Echte serverlose Funktionen wie AWS Lambda bietet unter den sieben Anbietern nur Scaleway. Anderswo laufen solche Aufgaben in Containern, die rund um die Uhr Kosten verursachen – laut Analyse 20 bis 80 Euro pro Monat für Aufgaben, die bei Lambda nur Cent-Beträge kosten. Kafka ist bei IONOS, OVHcloud, Scaleway und Exoscale verfügbar, einfache Warteschlangen wie Amazon SQS gibt es dagegen nur bei Scaleway.

KI: Rechenleistung ja, Betrieb nein. IONOS betreibt einen AI Model Hub mit offenen Sprachmodellen in Berlin, OVHcloud und Scaleway bieten GPU-Rechenleistung und Inferenz. Werkzeuge für den gesamten Lebenszyklus von Modellen – Experiment-Tracking, Modellregister, schrittweise Ausrollung – fehlen jedoch bei allen Anbietern. Viele Teams belassen ihre KI-Produktion deshalb bei SageMaker, während der Rest der Infrastruktur nach Europa zieht.

Besonders betroffen: Banken, Versicherungen und KRITIS

Für regulierte Unternehmen in Deutschland ist die Backup-Frage zentral. DORA verpflichtet Finanzunternehmen seit Januar 2025, ihre Verfahren für Datensicherung und Wiederherstellung zu dokumentieren, zu testen und gegenüber der Aufsicht nachzuweisen. AWS Backup steuert Sicherungen über alle Dienste hinweg, erzeugt Prüfberichte und ermöglicht unveränderbare Backups, die selbst Administratoren nicht löschen können.

Bei keinem der sieben europäischen Anbieter gibt es eine vergleichbare zentrale Steuerung. Datenbanken, Server und Speicher sichern sich jeweils einzeln, unveränderbare Backups und automatische Compliance-Berichte fehlen. Die Nachweispflicht liegt damit vollständig beim Unternehmen oder seinem Dienstleister – ein Punkt, den Compliance-Verantwortliche vor jeder Migration klären sollten.

Die Falle der halben Migration

In der Praxis führen diese Lücken häufig zu einer geteilten Architektur: Server und Speicher ziehen zu Hetzner oder IONOS, Datenbanken, Monitoring und KI bleiben bei AWS. Das senkt die Abhängigkeit, beseitigt sie aber nicht. Ein Teil der Daten bleibt im Geltungsbereich des CLOUD Act, und die Komplexität steigt, weil zwei Welten betrieben werden müssen.

Hinzu kommt die Kostenfrage. Europäische Anbieter sind bei reiner Infrastruktur oft deutlich günstiger. Doch auch hier steigen die Preise: Hetzner hat zum 1. April 2026 die Preise für Cloud-Server, Dedicated Server und Speicher um bis zu rund 37 Prozent angehoben und dies mit gestiegenen Kosten für Hardware und Energie begründet. Wer nur Servermieten vergleicht, übersieht zudem den größten Posten: die Arbeitszeit für den Betrieb dessen, was AWS heute automatisch erledigt.

„Europas Cloud-Unabhängigkeit entscheidet sich nicht an der Zahl der Rechenzentren, sondern daran, wer die Dienste darauf betreibt“, sagt Fedir Kompaniiets, Mitgründer von Gart Solutions und Autor der Analyse. „Die Anbieter werden diese Schicht nicht in dem Tempo selbst bauen, das der Markt verlangt. Sie wird zu einem großen Teil von Betriebspartnern kommen.“

Checkliste: Fünf Fragen vor dem Wechsel

Für Unternehmen, die einen Umzug zu einem deutschen oder europäischen Anbieter prüfen, empfiehlt die Analyse eine nüchterne Bestandsaufnahme:

  1. Welche AWS-Dienste nutzen wir wirklich? Nicht die Zahl der Server ist entscheidend, sondern die Liste der verwalteten Dienste – von RDS über Lambda bis CloudWatch.
  2. Welcher Anbieter passt zu unserem Profil? IONOS für Konzerne und öffentliche Auftraggeber mit hohen Compliance-Anforderungen, Hetzner für preisbewusste Teams mit eigener Betriebskompetenz, Scaleway für serverlose und entwicklernahe Architekturen, OVHcloud und Exoscale für breite Datenbank-Angebote.
  3. Wer betreibt Datenbanken, Monitoring und Backup? Das eigene Team, ein Dienstleister – oder bleiben diese Teile bei AWS?
  4. Wie erfüllen wir DORA, NIS2 und C5? Wer dokumentiert Backups, testet Wiederherstellungen und liefert Nachweise an die Aufsicht?
  5. Was kostet der Betrieb – nicht nur die Infrastruktur? Personalaufwand, Bereitschaftsdienste und Tools gehören von Beginn an in die Kalkulation.

Fazit

Deutschland und Europa haben leistungsfähige, zertifizierte Cloud-Infrastruktur. Bei Kubernetes, Rechenleistung und Speicher müssen sich Hetzner, IONOS und Co. vor AWS nicht verstecken. Die eigentliche Lücke liegt eine Ebene höher – bei verwalteten Datenbanken, Monitoring, Backup und KI-Betrieb. Wer souverän werden will, muss diese Ebene mitplanen. Sonst bleibt die Migration auf halbem Weg stehen.

Über die Analyse: „The EU Cloud Managed Services Gap“ vergleicht AWS mit OVHcloud, Scaleway, Hetzner, Exoscale, IONOS, UpCloud und evroc in den Bereichen Datenbanken, Kubernetes, Monitoring, serverlose Funktionen, Messaging, KI sowie Backup und Notfallwiederherstellung. Grundlage sind öffentlich zugängliche Produktinformationen mit Stand Juni 2026. Die vollständige Analyse in englischer Sprache

Originalquelle auf TRENDKRAFT am .

Kontakt