Vier Monate lang hat das Team des Chimfunshi Wildlife Orphanage Trust, der weltweit größten Rettungsstation für schutzbedürftige Schimpansen, nach Jack gesucht. Immer wieder gab es Hinweise, immer wieder Hoffnung. Doch mit jedem Monat, in dem der Alpha-Mann seiner Schimpansengruppe verschwunden blieb, wurde die Ungewissheit größer. Dann kam Anfang Mai der entscheidende Anruf aus einer benachbarten Gemeinde: Ein Schimpanse war im Wald gesichtet worden. Das Chimfunshi-Team machte sich sofort auf den Weg. Hoch oben in den Bäumen saß ein einzelnes Tier. Es war Jack.
Abgemagert, aber insgesamt erstaunlich gut erhalten, wurde der Schimpanse sicher zurück zur Schutzstation gebracht. Mehr als vier Monate hatte er allein in den Wäldern rund um Chimfunshi überlebt. Inzwischen ist er nach einer mehrwöchigen, sorgfältig überwachten Wiedereingliederung wieder bei seiner Familie.
Sturm verwüstet Gehege
Begonnen hatte Jacks außergewöhnliche Geschichte am Abend des 28. Dezember 2025. Ein heftiger Sturm zog über Chimfunshi hinweg. Starke Winde rissen mehrere große Bäume um und beschädigten einen Teil des Zauns eines der weitläufigen Waldgehege.
In der Nacht und am frühen Morgen nutzten mehrere Schimpansen die beschädigte Stelle, um ihr Gehege zu verlassen und die Umgebung zu erkunden. Das Chimfunshi-Team konnte die Tiere in den folgenden Tagen sicher zurückführen. Nur einer blieb verschwunden: Jack, der Alpha-Mann der 15-köpfigen Schimpansen-Gruppe.
Was folgte, war eine intensive Suche. Mitarbeitende, Freiwillige und Menschen aus den umliegenden Gemeinden durchkämmten das Gelände und die angrenzenden Wälder, verfolgten Hinweise und meldeten jede mögliche Sichtung.
Zunächst gab es Grund zur Hoffnung. Es war Regenzeit, Nahrung und Wasser waren in der Landschaft reichlich vorhanden. Jack könnte sich also außerhalb der Schutzstation versorgen. Die entscheidende Frage war, ob er auch den Gefahren des Waldes entgehen würde.
Das Bedrückendste war die Ungewissheit. Jack war nicht irgendein Tier aus der Gruppe, sondern ihr Alpha. Wir wussten nicht, ob er überlebt, wo er ist oder ob wir ihn jemals wiedersehen würden.
— Peggy Motsch / Executive Director, Chimfunshi Wildlife Orphanage Trust
Was passiert, wenn der Alpha plötzlich fehlt?
Während Jack allein unterwegs war, musste seine Familie mit seinem Fehlen umgehen. Als Alpha-Mann hatte er eine wichtige Funktion innerhalb der Gruppe und trug zur Stabilität und zum sozialen Zusammenhalt bei.
Doch eine Schimpansengruppe kann nicht auf unbestimmte Zeit auf ein fehlendes Tier warten. Nach und nach veränderte sich die soziale Ordnung. Die verbliebenen Männchen etablierten eine neue Hierarchie – und schließlich wurde Kenny zum neuen Alpha.
Wir haben uns natürlich große Sorgen um die Gruppe gemacht. Wenn der Alpha plötzlich fehlt, verändert das meist die Dynamik in einer Schimpansengruppe. Die Tiere reagieren oft stark auf Veränderungen. Doch Jacks Gruppe fand relativ schnell eine neue Hierarchie und Kenny übernahm die Rolle des Alpha.
— Aurore Balaran / Animal Care Managerin, Chimfunshi Wildlife Orphanage Trust
Die Hinweise auf Jack wurden derweil immer weniger, Wochen wurden zu Monaten.
Dann kam der Anruf
Anfang Mai kam plötzlich Bewegung in die Suche. Menschen aus einer benachbarten Gemeinde hatten einen Schimpansen in einem Waldstück außerhalb des Chimfunshi Areals beobachtet. Sie wussten, dass ein Schimpanse dort nicht hingehörte – und sie wussten auch, wen sie informieren mussten.
Das Chimfunshi-Team wurde umgehend verständigt und schickte ein Suchteam in das Gebiet. Dann die entscheidende Entdeckung: Hoch oben in den Bäumen saß ein einzelner Schimpanse, Jack.
In diesem Moment war alles andere erst einmal vergessen. Wir hatten monatelang nach Jack gesucht und plötzlich saß er vor uns, lebendig. Das war eine unglaubliche Erleichterung und gleichzeitig ein Moment, den man kaum in Worte fassen kann.
— Felix Chinyama / Leitender Schimpansenpfleger, Chimfunshi Wildlife Orphanage Trust
Das Veterinär- und Tierpflegeteam narkotisierte Jack sicher und brachte ihn nach Chimfunshi zurück. Die anschließende medizinische Untersuchung brachte eine weitere Überraschung: Jack hatte zwar Gewicht verloren, befand sich insgesamt aber in bemerkenswert gutem Zustand.
Jack hat wohl alles richtig gemacht
Wie Jack so lange allein im Wald überleben konnte, führt direkt zu einer der zentralen Ideen von Chimfunshi: Gerettete Schimpansen brauchen nicht nur Schutz, sondern möglichst natürliche Lebensbedingungen, um ihr arttypisches Verhalten und ihre Fähigkeiten leben zu können – um Schimpansen zu bleiben.
Mehr als 150 Schimpansen leben auf Chimfunshi in großen natürlichen Waldlebensräumen. Die Tiere klettern, erkunden, suchen nach Nahrung, bauen ihre Schlafnester und treffen innerhalb ihrer Umgebung eigene Entscheidungen. Diese Verhaltensweisen müssen ihnen nicht beigebracht werden. Sie sind Teil dessen, was einen Schimpansen ausmacht. Und Jack hatte genau diese Fähigkeiten gebraucht.
Monatelang fand er allein Nahrung und Wasser, bewegte sich durch die Landschaft und baute jeden Abend ein Schlafnest. Seine Zeit außerhalb der Schutzstation zeigte damit eindrucksvoll, wie viel Resilienz in einem Tier steckt, das seiner natürlichen Verhaltensweisen nicht beraubt wurde.
Jack hat uns selbst nach all den Jahren noch etwas über Schimpansen beigebracht. Er hat allein Nahrung und Wasser gefunden, sich orientiert und jede Nacht ein Nest gebaut. Dass er nach mehr als vier Monaten in dieser Verfassung zu uns zurückkam, hat unsere Hoffnungen weit übertroffen.
— Peggy Motsch / Executive Director, Chimfunshi Wildlife Orphanage Trust
Seine Familie hat ihn nicht vergessen
Für das Chimfunshi-Team war Jacks Rückkehr ein emotionaler Moment. Mitarbeitende, die ihn monatelang gesucht hatten, konnten ihn endlich wiedersehen – lebendig und sicher. Und auch seine Familie reagierte unmittelbar: Die Schimpansen erkannten Jack aus ihrem Gehege heraus und begrüßten ihn, während er sich zunächst in der Nähe erholte.
Doch die Rückkehr in die Gruppe war damit noch nicht abgeschlossen. Denn während Jack allein im Wald gewesen war, hatte sich seine Familie verändert. Kenny war inzwischen der neue Alpha-Mann. Jack konnte deshalb nicht einfach zurück in die Gruppe gesetzt werden.
Ein neuer Platz in einer veränderten Familie
Die Wiedereingliederung erforderte Geduld. Über mehrere Wochen führte das Tierpflegeteam Jack schrittweise wieder an seine Gruppe heran. In kontrollierten Etappen konnten sich die Tiere erneut begegnen und ihre sozialen Beziehungen neu ordnen. Dabei ging es nicht darum, die Zeit zurückzudrehen. Jack kehrte in eine Gruppe zurück, die sich während seiner Abwesenheit verändert hatte.
Wir mussten akzeptieren, dass die Gruppe nicht mehr dieselbe war wie vor Jacks Verschwinden. Deshalb durfte auch seine Rückkehr nicht einfach nach dem Motto ‚Jack ist wieder da, alles ist wie früher‘ funktionieren. Wir haben ihm und den anderen Tieren Zeit gegeben, ihre Beziehungen neu zu ordnen.
—Aurore Balaran / Animal Care Managerin, Chimfunshi Wildlife Orphanage Trust
Heute ist Jack wieder Teil seiner Familie.
Ein Happy End – und eine Botschaft
Jacks Geschichte ist damit glücklich ausgegangen. Aber sie erzählt von mehr als einem Schimpansen, der nach monatelanger Abwesenheit wieder nach Hause gekommen ist.
Sie zeigt die außergewöhnliche Widerstandskraft von Schimpansen. Sie zeigt, wie wichtig es ist, geretteten Tieren Lebensräume zu bieten, in denen sie ihre natürlichen Verhaltensweisen erhalten und ausleben können. Und sie zeigt, wie entscheidend die Menschen vor Ort für erfolgreichen Tier- und Naturschutz sind.
Denn ohne die Menschen aus der Nachbarschaft, die Jack erkannten und das Chimfunshi-Team sofort verständigten, hätte seine Geschichte möglicherweise anders geendet.
Jacks Geschichte hat uns einmal mehr gezeigt, dass Naturschutz nicht an einem Zaun endet. Er funktioniert, wenn Menschen, Tiere und ihre Lebensräume gemeinsam gedacht werden. Daran arbeitet Chimfunshi unentwegt, schafft Lebensräume für Mensch und Tier und macht die Menschen vor Ort durch Bildungs-, Informations- und Einbindungsmaßnahmen zu Teilhabenden am Projekt. Ohne sie hätten wir ihn vielleicht nie wiedergefunden.
— Sebastian Louis / Vorstand des Chimfunshi e.V. und Chairman des Chimfunshi Wildlife Orphanage Trust
Über Jack, den Schimpansen
Jack wurde 2008 auf Chimfunshi geboren. Seine Mutter Julie kam 2001 im Alter von etwa sieben Jahren zum Chimfunshi Wildlife Orphanage Trust. Julie hatte zuvor allein in einem Privat-Zoo eines reichen Scheichs in Katar gelebt, in einem viel zu kleinen Gehege ohne die Fürsorge anderer Artgenossen. Auf Chimfunshi blühte sie auf, verstarb aber leider 2013 nur wenige Tage nach der Geburt ihres zweiten Sohnes.
Jacks Potential zum Alpha hat sich bereits im frühen Teenageralter herauskristallisiert und tatsächlich hat er die Rolle in einer 15-köpfigen Gruppe im Alter von 14 Jahren übernommen. Ende 2025 war er nach einem Sturm abgängig, unauffindbar und wurde nach drei Monaten für tot erklärt. Doch wie durch ein kleines Wunder entdeckten ihn Menschen nach über vier Monaten in einem benachbarten Wald. Er kehrte leicht abgemagert, aber wohlbehalten und gesund nach Chimfunshi zurück. Nach einer Erholungs- und Quarantänezeit konnte Jack wieder in seine Schimpansengruppe eingegliedert werden.
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