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Chimfunshi e.V.

Verein

Einzigartig und berührend: Blinder Schimpanse zeigt verwaisten Zwillingen den Weg ins Leben


28. April 2026, 19:33
Chingola,
Sambia
PRESSEMITTEILUNG/PRESS RELEASE

Im Chimfunshi Wildlife Orphanage Trust, der weltweit größten Schutzstation für Schimpansen im Norden Sambias beobachtet man gerade Außergewöhnliches: Zwei verwaiste Schimpansenzwillinge lernen von einem blinden ehemaligen Alpha-Tier arttypische Verhaltensweisen. „Soweit wir wissen, ein bisher einmaliger Vorgang“, berichtet Wibke Kahlert vom deutschen Chimfunshi e.V..

Die Schimpansen-Zwillinge Reya und Robbie im Chimfunshi Wildlife Orphanage Trust in Sambia.

Wibke Kahlert ist gerade erst aus Sambia zurückgekehrt. Die Leiterin der Chimfunshi-Partnerorganisation in Deutschland ist von den neuesten Ereignissen in der Schutzstation ebenso begeistert, wie Tierpfleger und Forscher vor Ort. Nie zuvor wurde ein derartiger Integrationsvorgang bei handaufgezogenen Schimpansen in beobachtet: Der 35-jährige blinde Schimpanse Nicky fungiert als eine Art "Lehrer" für die Jungtiere, lebt ihnen arttypische Fähigkeiten vor und ermöglicht das Erlernen sozialer Kompetenzen durch gemeinsames Spiel. Ein Sozialisierungsprozess, der für die von Menschen aufgezogenen Schimpansenkinder entscheidend ist, um eine spätere Zusammenführung mit einer größeren Schimpansengruppe zu ermöglichen. 

Reya und Robbie 

Die Schimpansenzwillinge wurden im März 2023 auf Chimfunshi geboren und mussten aufgrund einer akuten Atemwegsinfektion als Säuglinge von ihrer Mutter getrennt und in die Veterinärklinik auf Chimfunshi gebracht werden. Nach ihrer Gesundung schlug die Wiedervereinigung mit der Mutter und die Rückführung in ihre Schimpansengruppe leider fehl. Mutter und Gruppenmitglieder lehnten die Babys ab. Mehrere Eingliederungsversuche misslangen. Eine weitere Versorgung durch das Pflege- und Veterinärteam und eine Handaufzucht waren unumgänglich. Ein Schritt, den man auf Chimfunshi nicht gern geht, denn durch den Menschen aufgezogene Wildtiere kennen viele arttypische Verhaltensweisen nicht und tun sich bei späteren Wiedereingliederungen in Tiergruppen schwer. 

Das Team auf Chimfunshi versuchte nach der Ablehnung durch die Mutter andere soziale Schimpansen-Weibchen als Adoptivmütter zu gewinnen, was aber nicht glückte, da kein Weibchen Interesse an den beiden Zwillingen zeigte. Ganz anders der 35-jährige Nicky: Von ersten akustischen Kontakten und zaghaften, durch das Pflegepersonal begleiteten Annäherungen (zunächst auf Abstand und durch Zaun getrennt), gefolgt von physischen Treffen unter kontrollierten Bedingungen, zeigte der ehemalige Alpha-Schimpanse großes Interesse an den Kleinen. Nicky, der sich 2020 bei einem Kampf so schwer verletzt hatte, dass er erblindete und nun zu seinem eigenen Schutz und um ihn optimal betreuen zu können, in einem Spezialgehege in unmittelbarer Nachbarschaft zu den großen Freigehegen der anderen Schimpansen lebt, zeigte sich von Beginn an neugierig und ausgesprochen sanft.

Nicky, der blinde Schimpanse 

Nicky wurde 1991 in der Zentralafrikanischen Republik in freier Wildbahn geboren, aber bereits als Baby von Wilderern gefangen und an einen Restaurantbetreiber verkauft, der ihn als Touristenattraktion seinen Gästen präsentierte. Im Jahr 2000 wurde Nicky von Tierschützern befreit und nach Chimfunshi gebracht, wo er fast 20 Jahre unter nahezu natürlichen Bedingungen glücklich lebte – viele Jahre davon sogar als Alphatier. Dann kam der Schicksalsschlag. Im Kampf mit einem anderen Männchen wurde er so schwer verletzt, dass er das Augenlicht verlor. Zu seiner eigenen Sicherheit musste er aus dem weitläufigen Freigehege genommen werden. Da er aufgrund seiner Erblindung nun einen Lebensort benötigt, der auf seine Bedürfnisse zugeschnitten ist, erhielt er 2023 ein eigenes Freigehege, das so gestaltet ist, dass er gezielt gefüttert, beobachtet, untersucht und medizinisch betreut werden kann und in dem er sich eigenständig bewegen und nach Belieben zwischen drinnen und draußen wechseln kann. 

Nicky, der Lehrer 

Schon während seiner Zeit als Alphatier seiner Gruppe fiel Nicky als besonders kinderlieber und sozialer Schimpanse auf. Das ermutigte das Pflegeteam, ihn nach den ersten positiven Reaktionen auf die Zwillinge in die artgerechte Sozialisierung der Zwillinge einzubeziehen. Unter Aufsicht des Teams, wurden ihm die Zwillinge behutsam vorgestellt. Und es war ein Volltreffer. Nicky wurde schnell zum wichtigen Bezugspunkt im Leben von Reya und Robbie. Nachdem gemeinsame Spieleinheiten unter Aufsicht des Pflegepersonals harmonisch verlaufen waren, entschloss man sich zum großen Schritt: Die Zwillinge zogen in das Spezialgehege von Nicky. Und hier leben sie nun in lebendiger Dreisamkeit: Sie interagieren, sie spielen, sie lausen sich. Reya und Robbie schauen sich von Nicky alles ab, was ein Schimpanse zum Leben braucht: Nahrung zu suchen und zu teilen, soziale Signale und Kommunikation, angemessenes Spielverhalten und Kooperation. Und Nicky? Der erlebt eine Art zweiten Frühling oder eine neue Lebensrolle und blüht dabei auf wie seit Jahren nicht. 

Darüber freut sich Wibke Kahlert: „Es ist toll den Dreien beim gemeinsamen Spiel zuzusehen, und wir alle freuen uns riesig für Nicky und die Zwillinge. Aus den Einzelschicksalen ist eine Win-Win-Situation entstanden, von der nun alle profitieren. Nicky hat wieder Gesellschaft und Reya und Robbie erhalten die für sie so wichtigen Lektionen, bevor die Integration in eine größere Schimpansengruppe starten kann.“

 

Pressevideos, Fotos und Logos zur Meldung hier: www.chimfunshi.de/bildmaterial/

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